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Kolumban und Gallus – irische Mönche missionieren den Kontinent

Zusammenfassung eines Vortrages von Dr. Magdalena Bless durch Wolfgang Sieber, Gallus-Weitwanderer

 

Die frühe christliche Kirche wurde von der sie umgebenden griechisch-römischen Kultur stark mitgeprägt. Im spätrömischen Reich verband sich das römische Kaisertum mit der Kirche, so dass die Bevölkerung des römischen Reichs in seiner End-phase mehrheitlich christlich war, namentlich in den städtischen Zentren. Der Zusammenbruch des römischen Reichs und die Völkerwanderungszeit drängte in Europa das Christentum aber nördlich der Alpen wieder zurück, denn die neuen germanischen Herren waren zunächst noch heidnisch. Mit der Taufe des fränkischen Königs Chlodwig Ende des 5. Jhs. verband sich die römische Kirche jedoch mit dem Königtum des aufstrebenden fränkischen Reichs und gewann wieder an Boden. Dennoch bedeutete die Annahme des christlichen Glaubens durch das merowingische Königshaus noch keineswegs, dass nun auch die Bevölkerung dieses Reichs eine flächendeckende religiöse Unterweisung erhalten hätte. Kirchliches Leben beschränkte sich hauptsächlich auf die Überreste städtischer Zentren aus römischer Zeit, während das ländliche Gebiet – eben die „Heide“ –  im 6. und frühen 7. Jh. noch mehrheitlich „heidnisch“ war.

Es gab in Europa jedoch einen Sonderfall, nämlich Irland. Hier hatte sich die grosse keltische Kultur besser erhalten als auf dem Kontinent, wo sie von den Römern von Süden her und von den Germanen von Norden her überschichtet worden war. Früher als bei anderen mittelalterlichen Völkern entstand hier auch eine eigene Literatur, so dass im Frühmittelalter die irische Kultur nach der griechischen und lateinischen die bedeutendste Schriftkultur Europas war.

Die irische Insel hatte nie zum römischen Reich gehört und war ausserhalb der grie-chisch-römischen Zivilisation geblieben. Hier blieben ursprüngliche Aspekte nicht nur der keltischen, sondern überhaupt der indoeuropäischen Kultur länger als anderswo erhalten. Es gibt Parallelen zu Indien, das wie Irland ein Randgebiet des indogermanischen oder indo-europäischen Kulturkreises war – Indien war der östliche Flügel, Irland der westliche. Charakteristisch für die frühe indische wie für die frühe irische Kultur war auch die gesellschaftlich hoch angesehene Gelehrtenschicht. In Indien waren es die Brahmanen, in Irland die Dichter und die Druiden, deren höchster Rang dem König ebenbürtig war. Die Könige waren mit den Druiden eng verbunden und hörten auf ihren Rat. Daneben gab es auch die Rechtsgelehrten und die Experten in Genealogie und Geschichte. Alle diese Gelehrten hatten eine langjährige Ausbildung mit sehr viel Auswendiglernen hinter sich und waren die Hüter der mündlichen Tradi-tion. Dank dieser geistigen Elite bildete Irland eine kulturelle Einheit, auch wenn es politisch keine war. Im  frühen Mittelalter war es in etwa 100-150 Kleinkönigtümer aufgesplittert.

Das Christentum entwickelte sich in Irland später als auf dem Kontinent, dafür aber kontinuierlicher. Während im 5. Jh. der Kontinent von den Stürmen der Völkerwanderung durchgeschüttelt wurde, blieb Irland davon unbehelligt. Laut verschiedenen Hinweisen, darunter lateinischen Lehnwörtern, muss es in Irland bereits im 4. Jh. erste Christen gegeben haben. Angesichts der Nähe zum römischen Britannien und den Kontakten zu Wales ist dies auch nahe liegend. Schriftlich nachweisbar ist das Christentum in Irland aber erst seit dem 5. Jh.  Populär als sog. „Apostel Irlands“ wurde der hl. Patrick, der aus Britannien stammte und um 432 seine missionarische Tätigkeit in Irland aufgenommen haben soll – wobei dieses Datum nicht gesichert ist. Er wirkte erfolgreich in Nordirland und damit in einer Region, die bis dahin vom Christentum noch weitgehend unberührt geblieben war.

Bereits Patrick erwähnte im 5. Jh. in seinen Schriften Mönche. Ab dem frühen 6. Jh. war die irische Kirche dann ganz überwiegend monastisch geprägt.  Es kam zu zahlreichen Klostergründungen. Mönche, Äbte und vereinzelt auch Äbtissinnen gaben kirchlich den Ton an. Möglicherweise war das Mönchstum von Gallien her über Wales nach Irland eingedrungen. Dass es hier auf ein derart enormes Echo stiess, hatte wohl auch mit den schon angedeuteten Besonderheiten der irischen Kultur zu tun. Die Mönche waren als spirituelle Führer die Konkurrenten und später die Nachfolger des angesehenen Gelehrtenstands der Druiden. Anders als etwa den christlichen Mönchen des Orients waren den irischen Mönchen die Gelehrsamkeit, die Wissenschaften und Bücher wichtig. Daneben betonten die irischen Mönchsregeln auch die Askese, die Beherrschung der auf die Aussenwelt gerichteten Begierden. Einzelne irische Heilige waren extreme Asketen. Auch die Askese hat in der indo-europäischen Kultur eine lange Tradition und spielte z.B. auch in Indien bei den Yogin seit je eine wichtige Rolle. Dort glaubte man, dass der Asket durch Versagung körperlicher  Bedürfnisse und Kasteiung seine inneren Kräfte derart bündeln könne, dass er zu besonderen Erkenntnissen komme und natürliche Gesetze durchbrechen könne. Vom Asketen konnten unter Umständen Heilkräfte, seherische Gaben und Einflussnahme auf die Natur erwartet werden.

Kurzum, es kam in Irland im frühen Mittelalter zur Gründung zahlreicher grosser Klöster, die teilweise untereinander verbunden waren. Einzelne wuchsen zueigentlichen Klosterstädten mit mehreren Tausend Bewohnern heran – so grosse Orte gab es im profanen Bereich nicht! In den Klöstern fand die wichtige irische Sippenstruktur, die für Schutz und Rechte ihrer Mitglieder sorgte, ihre Fortsetzung. Anders als auf dem Kontinent hausten die irischen Mönche nicht gemeinsam in steinernen Grossbauten, sondern in vielen kleinen Einzelzellen, einfachen Hütten, die aus mit Lehm beschichtetem Astwerk bestanden. Die Klöster entwickelten sich zu den religiösen, kulturellen, schulischen, wirtschaflichten und seelsorgerischen Zentren der Insel. Wegen der Klöster wurde die Inselbevölkerung erstaunlich rasch und tiefgehend christianisiert. In den Klöstern wurde nicht nur intensiv gebetet, sondern auch eifrig gelehrt, gelernt und geforscht, mit höchster Kunst und Sorgfalt wurden Bücher abgeschrieben und verziert.

Mit der Zeit zündeten irische Mönche auch ausserhalb Irlands ihre Lichter an. Gefördert wurde diese Bewegung durch eine Besonderheit der irischen Mönchsaskese: die „Peregrinatio pro Christo“, d.h. das Verlassen der Heimat für Christus.  Das lateinische Wort „Peregrinatio“ heisst Reise ins Ausland, Aufenthalt in der Fremde. Später nahm es auch die Bedeutung von Pilgerreise an. Das Wort peregrinus hiess ursprünglich Fremder und  wurde im Mittelalter zur Bezeichnung für den Pilger. Dahinter stand die Idee, dass der Christ oder die Christin auf dieser Welt ein Fremdling sei, denn die eigentliche Heimat, das Ziel der Reise durchs Leben, sei das Jenseits, das Heimkommen zu Christus im Himmel.

Fremd, d.h. schutz- und rechtlos, war man im alten Irland ursprünglich schon dann, wenn man das Gebiet der eigenen Sippe verliess. Die Verbannung aus dem Sippengebiet galt daher als schwere Strafe. Es gab nun unter den irischen Mönchen Asketen, die freiwillig als Busswerk für Christus eine solche Verbannung auf sich nahmen und in abgelegenen Einöden der Insel kleine Klösterchen oder Einsiedeleien gründeten. Man nannte dies das „grüne Martyrium“, nachdem das „rote Martyrium“, nämlich der Tod für Christus, seit dem Ende der römischen Christenverfolgungen nicht mehr so leicht zu erlangen war. Schon die ältesten irischen Rechtstexte weisen nun aber darauf hin, dass solche Verbannte um Christi willen den gleichen Rechtsstatus und Schutz genossen wie ein König oder ein Bischof, d.h. sie waren in ganz Irland privilegiert. Damit bedeutete die Peregrinatio pro Christo innerhalb Irlands aber nicht länger Selbstentsagung. In der Folge gab es Mönchsgruppen, die die Insel verliessen und als Vogelfreie in der Fremde das sog. weisse Martyrium suchten. Für die heimwehgeplagten Iren galt das freiwillige Exil weit weg von ihrem geliebten Land, ihrer Sippe, Sprache, Kultur und ihrer unverwechselbaren Musik als heroischer Akt.

Der erste irische Abt, der mit einer Mönchsgruppe im Sinne der Peregrinatio pro Christo Irland für immer in Richtung Kontinent verliess, war Kolumban der Jüngere, der von 543 bis 615 lebte, und in dessen Gefolge auch Gallus. Jahrelang lebte Kolumban im Kloster Bangor (gegründet um 558, eines der bedeutendsten geistigen Zentren Irlands, mit bis zu 3000 Bewohnern) als Mönch und wohl auch Lehrer. Widerstrebend liess Abt Comgall schliesslich den damals etwa 50-jährigen Kolumban mit zwölf Gefährten (zwölf nach dem Vorbild der Apostel) im Sinne der Peregrinatio pro Christo auf den Kontinent ziehen.

Kolumbans charismatische Ausstrahlung und sein guter Ruf drangen auch an den Hof des fränkischen Königs Childebert II., der damals über Austrasien und Burgund regierte. Auf Childeberts eindringlichen Wunsch hin liess sich Kolumban im damaligen Burgund nieder und gründete in den Vogesen drei Klöster, nämlich in Annegray, im benachbarten, ehemaligen römischen Bäderort Luxeuil und in Fontaine. Heute gehören die drei Orte zur Franche-Comté – Freigrafschaft Burgund – im Departement Haute-Saône. König Childebert stellte Kolumban das Land für die Klöster zur Verfügung und gewährte ihm das Privileg der Exemption, d.h. er wurde nicht einem Diözesanbischof unterstellt. Klöster waren in Gallien an und für sich nichts Neues – es gab hier seit dem späten 4. Jh. Klöster. Doch die Klöster und die Bischofssitze Galliens waren vorab eine Domäne der einheimischen, romanisierten gallischen Oberschicht, die den wenig gebildeten, neuen fränkischen Oberherren zunächst verschlossen waren. Das irische, ausserhalb der Bischofsgewalt stehende Klostermodell Kolumbans durchbrach diese romanisch geprägte kirchliche Struktur. Umge-hend strömten die Söhne fränkischer Adeliger in Kolumbans Klöster und wurden hier Mönche oder erfuhren eine Ausbildung. Einige von ihnen wurden später Bischöfe, andere gründeten weitere Klöster, womit sich der irische Klostergedanke weiter verbreitete. Mit den neuen Klöstern emanzipierte sich der fränkische Adel von den hergebrachten romanischen Strukturen, weshalb er sie nachhaltig unterstützte. Um 600, also ungefähr in der Zeit der Ankunft von Kolumban, gab es im Frankenreich  etwa 220 Klöster. Dank der von Kolumban begonnenen iroschottischen Mönchs-bewegung wurden im 7. Jh. fast 330 Klöster vor allem im Norden des Franken-reichs neu gegründet. Unschätzbar sind die Verdienste der bücherbegeisterten, gelehrten irischen Mönche um die Bewahrung der Schriftlichkeit und der Tradition der antiken Literatur im frühmittelalterlichen Europa.

Doch zurück zu Kolumban: Er verfasste in Luxeuil eine Klosterregel, die zeitweise verbreiteter war als die Regel Benedikts von Nursia und wohl auf jener von Bangor fusste. An die Spitze der geistigen Tugenden setzte er die Demut, die sich zB im Gehorsam des Mönchs gegenüber dem Vorgesetzten äusserte. Sechs Mal täglich – dreimal am Tag und dreimal in der Nacht – kamen die Mönche in der Kirche zum gemeinsamen Chorgesang der Psalmen zusammen. Von den Mönchen wurde geistige Konzentration erwartet. Sie sollten einen bescheidenen Lebensstil pflegen, auf persönlichen Besitz verzichten und keusch leben. Gegessen wurde nur einmal am Tag, nachmittags um drei, und das Essen war karg – Mehlbrei oder Brot, Gemüse, hin und wieder Fisch, seltener auch Geflügel, dazu wurde Bier getrunken. Ein Mönch sollte sich nie ganz satt essen. In der Gründungszeit der Vogesenklöster war der Speisezettel von Kolumban und seinen Gefährten noch karger und bestand aus Gräsern und Baumrinden. Wichtig waren auch das Schweigen zugunsten der inne-ren Sammlung und Meditation. Nebst dem Gebet und geistigen Tätigkeiten wie Studium, Lektüre und Schreiben arbeiteten die Mönche je nach den Erfordernissen auch in der Landwirtschaft, beim Bau von Gebäuden, Strassen und Brücken, in der Krankenpflege, in der Betreuung von Gästen und in der Bildung.

Im strengen Geist der Zeit verfasste Kolumban auch ein Bussenbuch mit taxierten Strafen für Vergehen der Mönche gegen die Mönchsregeln.

Die Klöster  waren auf eine sog. „Komm-Struktur“ angelegt: Nicht die Mönche gingen hinaus, sondern die Menschen kamen zum Kloster und suchten geistliche Unterweisung, Rat, Heilung, Nahrung, kauften oder verkauften Waren. Die Botschaft der Mönche bestand auch nicht  in erster Linie aus Worten, sondern vor allem darin, wie sie die christliche Botschaft vorlebten. Mit ihrem landwirtschaftlichen Wissen, der Erziehung des Adels und den praktischen sowie geistlichen Diensten deckten sie konkrete Bedürfnisse der Menschen ab. Längerfristig trugen das Vorbild dieser Mönche und ihre Eingebundenheit ins Leben auf dem Land dazu bei, auch die Landbevölkerung zu christianisieren.

Aufgrund seiner konsequenten Haltung überwarf sich Kolumban nicht nur mit den lokalen Bischöfen, sondern auch mit der merowingischen Königingrossmutter Brünichilde. Kolumban ermahnte König Theuderich II. unter Androhung der Exkommunikation mehrfach, von den Bordellen abzulassen, zu heiraten und mit einer rechtmässigen Königin legitime Erben auf die Welt zu setzen. Theuderichs Gross-mutter Brünichilde war jedoch gegen eine Heirat, die ihre Machtstellung am Hof gefährdet hätte. Als Kolumban einst den königlichen Hof besuchte und Brünichilde ihm die illegitimen Söhne ihres Enkels Theuderich präsentierte, um sie zu segnen und damit sozusagen zu legitimieren, verweigerte dies Kolumban. König Theuderich wies daraufhin und wohl auch Drängen der Bischöfe Kolumban und alle seine irisch-stämmigen Mönche nach fast 20-jähriger Aufbauarbeit aus den Klöstern in und um Luxeuil aus. Mit einem Boot wurden sie auf der Loire nach Nantes am Atlantik verfrachtet, von wo sie wieder nach Irland zurücksegeln sollten. Doch ihr Schiff strandete schon bald, was Kolumban als himmlisches Zeichen auffasste und ihn mit seinen Mönchen via Soissons und Paris ins Frankenreich zurückkehren liess. In Metz oder Reims hiess sie der merowingische König Theudebert II. von Austrasien herzlich wieder willkommen. Er schickte im Jahr 610 Kolumban mit einem Missionsauftrag und einem Schutzbrief zu den noch mehrheitlich heidnischen Alemannen und Keltoromanen am östlichen Rand seines Reichs. Mit einer Christianisierung sollte dieses Gebiet besser ins fränkische Reich integriert werden. Damit wandelte sich Kolumbans urspünglich rein spirituelle Pilgerschaft für Christus vorübergehend in einen fränkischen Missionsauftrag. Die Mönchsgruppe zog nun rheinaufwärts ins Gebiet der heutigen Schweiz.

Gallus gehörte zum engsten Umkreis von Kolumban und zu den wenigen Mönchen, die schon in der Kolumbans-Vita mit Namen erwähnt werden. Er durfte Kolumban begleiten, wenn sich dieser zeitweise aus dem Kloster Luxeuil in die Einsamkeit  zurückzog, und schon dort wird seine Leidenschaft fürs Fischen beschrieben, ebenso auch seine Eigensinnigkeit, da er nicht immer dort fischte, wo Kolumban es ihm geheissen hatte. Bei der Ausweisung der irischen Mönche aus Luxeuil gehörte auch Gallus zu den Ausgewiesenen und kam schliesslich mit Kolumban ins alemannische Gebiet. Sie verliessen den Rhein und zogen limmataufwärts zu einem „Kastell namens Turicum (Zürich)“. Damals lebten ums halbverfallene römische Kastell auf dem Lindenhof links der Limmat noch Reste einer galloromanischen Bevölkerung, während sich im ländlichen Gebiet gegenüber rechts der Limmat bereits alemannische Bauern niedergelassen hatten. In dieser Übergangszeit war Zürich zweisprachig – romanisch und alemannisch. Sie gingen dem See entlang weiter bis nach Tuggen in der heutigen Schwyzer March am Ufer des damals noch grösseren Oberen Zürichsees. Getreu dem Auftrag des Königs Theudebert II. unternahmen die Mönche hier einen ersten Missionsversuch mit den üblichen, wenig sensiblen Methoden der Zeit. Gallus steckte, wie es heisst, „die heidnischen Tempel“ in Brand und versenkte ihre Heiligtümer im See. Ähnlich ruppige Missionierungspraktiken werden auch in vielen andern frühmittelalterlichen Heiligenviten erzählt und waren offenbar Standard. Sie sollten die Ohnmacht der heidnischen Götter beweisen, da diese auf solche Schändungen hin nicht zu reagieren pflegten und die tödlichen Blitze ausblieben. Man kann es den Tuggenern nicht verdenken, dass sie daraufhin zornentbrannt Gallus nach dem Leben trachteten, worauf es Kolumban geraten schien, rasch weiter zu ziehen.

Wohl via den Ricken und das Toggenburg gelangten sie zum ehemaligen römischen Kastell-Ort Arbon am Bodensee. Dort trafen sie auf die Reste einer christlichen Gemeinde und den Priester Willimar, der über ihre Ankunft hoch erfreut war und ihnen riet, sich im ehemals römischen, nun zerfallenen Ort Bregenz niederzulassen. Das taten sie denn auch und fuhren mit einem Boot nach Bregenz. Die Mönche bauten sich Behausungen und ärgerten die in der Umgebung lebenden, heidnischen Alemannen. Manche liessen sich zwar taufen, andere aber waren wütend. In Bregenz gab es eine ehemalige römische Kirche, die nun von den Alemannen als Tempel benutzt wurde. An einem Tempelfest predigte Gallus auf Geheiss Kolumbans dem anwesenden Volk, erklärte ihnen die christliche Lehre, zerschlug zu guter Letzt die in der Kirche aufgestellten Götterbilder und versenkte sie im See. Daraufhin weihten die Mönche die Kirche wieder neu. Laut einer Lebensgeschichte beherrschte der sprachgewandte Gallus nebst Latein auch die alemannische Sprache – vielleicht hatte er sie schon in Luxeuil gelernt.

Mittlerweile beschwerte sich aber die Bevölkerung beim alemannischen Herzog Cunzo gegen die Mönche, nicht zuletzt wegen ihrer Glocke, die die Jagd störte.

Tatsächlich gehörte zu den irischen Klöstern stets eine Handglocke, mit der die Brüder zum Gebet zusammengerufen wurden. Das von den irischen Mönchen benutzte, keltische Wort für Glocke – clock – ist zur ewigen Erinnerung an die Iroschotten in unserem Wortschatz erhalten geblieben. Seit dem Ende des 18. Jhs. hängt die aus Bregenz stammende sog. Gallusglocke im Chor der Kathedrale St. Gallen – es ist eine keltische Glocke aus dem 7. Jh. und eine der ältesten Glocken Europas überhaupt.

Nach knapp drei Jahren betrachtete Kolumban seinen Missionsversuch als gescheitert. Die Bregenzer hatten den Mönchen eine Kuh gestohlen und zwei Mönche getötet. Kolumban verliess daraufhin 612 fluchtartig das fränkische Reich und zog das Rheintal aufwärts über die Alpen nach Italien ins Langobardenreich. Dort war der König Agilulf von Kolumban derart beeindruckt, dass er zum Katholizismus konvertierte und ihm in Bobbio, in einem Apennintal in der heutigen Provinz Piacenza, eine Stätte zur Errichtung eines Klosters zuwies.

Im Jahre 615 starb Kolumban mit etwa 75 Jahren in Bobbio und wurde als Heiliger verehrt. Die Abtei San Colombano wurde berühmt für ihr Skriptorium und ihre reiche Bibliothek, zu der auch bedeutende irische Handschriften gehörten.

Gallus war 612 fieberkrank in Bregenz zurück geblieben, nachdem er sich geweigert hatte, die beschwerliche Reise über die Alpen mitzumachen. Vielleicht zu Recht witterte Kolumban darin einen Versuch, sich seiner Abtsgewalt zu entwinden. Zur Strafe verbot er Gallus, der auch Priester war, die Messe zu lesen, solange er – Kolumban – am Leben sei. Die Trennung war für beide schmerzlich.

Gemäss den drei vorhandenen Lebensgeschichten fuhr Gallus samt seinen Fischernetzen auf einem Boot von Bregenz zum befreundeten Priester Willimar nach Arbon, der ihn gastfreundlich aufnahm und gesund pflegen liess. Daraufhin sehnte er sich nach einem stillen Leben als Einsiedler in der Einsamkeit und suchte in den umliegenden Urwäldern nach einem passenden Ort. Der ortskundige Diakon Hiltibold, ein Gefährte des Priesters Willimar begleitete ihn dabei. Gegen Abend rasteten sie bei einem kleinen Wasserfall der Steinach, fingen dort Fische und brieten sie. Gallus begann, Gefallen an diesem Ort zu finden. Als er gar noch in einen nahen Dornstrauch fiel, betrachtete er dies als göttliches Zeichen: Hier war der Ort seiner künftigen Bleibe! Aus Haselruten bastelte er ein Kreuz, hängte seine Reliquienkapsel daran und betete. Da pirschte ein Bär vom Berg herunter und frass die Reste ihrer Mahlzeit. Gallus befahl ihm, Holz fürs Feuer zu bringen. Prompt soll das Tier ein grosses Holzstück gebracht und ins Feuer geworfen haben. Zum Dank für die Arbeit reichte  ihm Gallus ein Stück Brot und gebot ihm, für immer in die Berge zurück zu kehren. Dank dieser Legende wurde der Bär zum Emblemtier des hl. Gallus und ziert viele Ostschweizer Wappen, darunter jene der Städte St. Gallen und Wil sowie der beiden Kantone Appenzell. Im Jahr 612 trat somit die Stätte des künftigen Klosters und der Stadt St. Gallen erstmals ins Licht der Geschichte.

Aus Überlingen erreichte ihn die dringende Bitte des alemannischen Herzogs Cunzo, seine von einem Dämon besessene Tochter Fridiburga zu heilen. Vergeblich bemühten sich mehrere Bischöfe um sie. Doch Gallus fürchtete offenbar den alemannischen Herzog und floh via Appenzellerland und Saxerlücke Richtung Süden ins Rheintal. In Grabs traf er auf einen christlichen Diakon namens Johannes und freundete sich mit ihm an.

Der Arboner Priester Willimar suchte Gallus und brachte ihn am Ende doch noch dazu, die besessene Fridiburga zu besuchen, die er laut den Viten prompt zu heilen vermochte. Sie soll die Braut des merowingischen Königssohns Sigibert  (Sohn des Königs Theuderich II.) gewesen sein, doch habe sie dann statt der Ehe den Schleier gewählt. Der dankbare Herzog Cunzo unterstützte nun Gallus beim Bau seiner Zelle. Den vom Herzog angebotenen Bischofssitz von Konstanz schlug Gallus aus, bereitete aber den Diakon Johannes aus Grabs in drei Jahren intensiven Unterrichts auf das hohe Amt vor. Als Herzog Cunzo danach in Konstanz eine Versammlung zur Bischofswahl einberief, wurde auf den Vorschlag von Gallus tatsächlich Johannes zum Bischof gewählt. Die beiden Männer blieben sich lebenslang freundschaftlich verbunden.

Laut den Viten lebte Gallus mit zwölf Schülern und Gefährten, die sich ihm angeschlossen hatten, in seiner einfachen Waldsiedlung ein klosterähnliches, meditatives  Leben des ständigen Gebets. 615 erkannte er in einer Vision, dass Kolumban gestorben war und er die Messe wieder lesen durfte. Er sandte einen seiner Gefährten nach Bobbio, wo die dortigen Mönche Kolumbans Tod bestätigten und Gallus Kolumbans Krummstab samt einem Brief mitschickten. Es war Kolumbans ausdrücklicher Wunsch gewesen,  das symbolträchtige Zeichen seiner Abtswürde, den Krummstab, Gallus zu übergeben. Dies war ein Zeichen der Versöhnung und hoher Wertschätzung: Mit dem Krummstab des Pilgers, des Peregrinus pro Christo,  übergab er ihm sozusagen die Essenz der irischen Spiritualität und auch die Ermächtigung zur leitenden Funktion.

Im Jahre 629 starb der Abt Eusthasius von Luxeuil, den seinerzeit noch Kolumban selbst als seinen Nachfolger bestimmt hatte. Die Mönche von Luxeuil sandten nun sechs Mitbrüder zu Gallus mit der Bitte, ihr neuer Abt zu werden. Man hatte extra sechs Iren (!) geschickt in der Hoffnung, der Ire Gallus liesse sich dadurch eher erweichen, doch er lehnte ab. Mehrfach wird Gallus in den Viten ausdrücklich als Scotus bezeichnet, als Ire.

In seinem hohen Alter gab er wieder einmal dem inständigen Bitten seines alten Freundes, des Priesters Willimar, nach und kam nach Arbon, um das zahlreich zusammengeströmte Volk mit seinen „honigfliessenden Lehren“ zu unterrichten, wie es in den Viten heisst. Am dritten Tag aber befiel ihn ein Fieberleiden, dem er zwei Wochen später an einem 16. Oktober erlag. Das Jahr ist nicht genau bekannt, nach neusten Vermutungen soll er ums Jahr 640 95-jährig gestorben sein.

Das ganze Frühmittelalter hindurch kamen im Gedenken an die Ursprünge des Klosters immer wieder irische Pilger und Mönche, teils mit Büchern, in St. Gallen vorbei, einzelne blieben für immer hier. Auch eine irische Genealogie von Gallus gelangte nach St. Gallen und ist in einem Codex des 9. Jhs. enthalten. Nach dieser ent-stammte Gallus einer der vielen irischen Königssippen (Kleinkönige).  Der irische Name von Gallus sei Callech gewesen, der in Gallien dann zu Gallus romanisiert wurde. Erinnern wir uns nochmals daran, dass die Genealogie in Irland eine lange Tradition hatte und die Genealogen ein Teil des hochgeschätzten Gelehrtenstandes waren. Bis heute besitzt die Stiftsbibliothek einen einzigartigen, ausserordentlich kostbaren Schatz an frühmittelalterlichen irischen Handschriften, während in Irland selbst wegen der verheerenden Wikingereinfälle nur sehr wenige Handschriften erhalten blieben.

Heute zählt die Stiftsbibliothek St. Gallen samt dem Stiftsbezirk zum UNESCO-Weltkulturerbe. Und heuer also wird in St. Gallen mit diversen Aktivitäten das Jubiläumsjahr der Gründung vor 1400 Jahren durch Gallus gefeiert.

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