Aktuelles Gallusweg Projekt Route Wanderer Partner/Sponsoren Google Maps Gallus-Volksmarsch Rheintalische Grenzgemeinschaft Baumeler Reisen freicom. Next AG - Internet St. Gallen Baumeler Galluswanderungen Inhaltsverzeichnis Wanderblog Kontakt Appenzeller Verlag

Aktuell

Warum mach ich das?

Gestern war ich wieder einmal im G B – einer kleinen Hütte inmitten grossartiger Bergwelt. Der Marsch hinauf, durch Schnee und Eis, durch Wald und weiss bedeckte Wiesen, war anstrengend. Es war mein Abschiedsbesuch von meinen Bergkollegen vor meiner Abreise nach Irland. Natürlich war der Gallusweg ein Thema. Eine mir bis anhin unbekannte Frau hörte mit und fragte mich plötzlich: „Warum machst du das und wo führt dieser Weg durch?“

Ich stutzte. Den zweiten, leichteren Teil der Frage beantwortend suchte ich Zeit zu gewinnen für den ersten Teil der Frage. Den weitaus wichtigeren.

Warum machst du das?

Ja, warum mach ich das. Eine gute Frage. Natürlich, ich fand auch für diesen Teil der Frage schnell eine – richtige – Antwort: Gallusjahr, Weitwanderer, Projekt, Idee, Kollegen etc. Es wurde munter weiter über Gott und die Bergwelt diskutiert, angestossen, Sonnen gebadet. Alle genossen den herrlichen Morgen und waren zufrieden. Ich nicht.

Warum mach ich das.

Rückblende. Wir haben 2009 beim Projekt-Wettbewerb „Gallusjahr 2012“ mitgemacht. In der Vorbereitung zu unserer Präsentation kam mir die Idee, diesen Weg den Gallus und Kolumban mit seinen Gefährten in dunkler Vorzeit gegangen sind, nachzuwandern und in das Projekt des Jubiläumsjahres einfliessen zu lassen. Den Wettbewerb verloren wir. Die Idee jedoch war (m)ein Gewinn. Sie blieb mir. Und ich konnte rasch drei Weitwander-Freunde für diese Idee begeistern.

Schnell war die Idee in eine Strategie formuliert, lose Gedankenfetzen in stimmige Konzept-Sätze gepackt, Budget aus den Fingern gesogen, Routen abgesteckt. Die Route war ja klar, sie sollte wenn immer möglich der Original-Route aus dem 7. Jahrhundert folgen. Das Projekt stand. Der Termin auch. Nun ging es an die Umsetzung. Und in wenigen Tagen geht es für mich los.

Warum aber mache ich das?

Es ist nichts Abenteuerliches an diesem Projekt, keine hohen Berge gilt es zu überwinden, keine Wüste zu durchqueren, kein Guinness-Buch Eintrag lockt, höchstens das gleichnamige Bier.

Gallus ist nur die Etikette der Flasche. Es ist das Getränk „Weitwander-Erlebnis“, das süchtig macht, Durst nach mehr.

Bei einer dreiwöchigen Wanderung gehst du weit – und kommst dir sehr nahe. Du hast zwar einen Plan, wo du durchwanderst, aber trotzdem ist es ein Umherirren, ein Suchen nach dem richtigen Weg, nach einer Unterkunft, nach landschaftlicher Schönheit. Das ist das äussere, das kräftezehrende einer Weitwanderung. Das innere, ebenfalls kräftezehrende einer Weitwanderung ist ebenfalls ein Suchen, ein Umherirren – aber ein innerliches, ein Suchen nach sich, ein Umherirren zwischen Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen, ein Suchen nach innerer Ruhe und Präsenz.

Die Kunst des Irrens

Dieses Umherirren der Gedanken inmitten landschaftlicher Schönheiten, während man den eingezeichneten Weg auf der Karte Schritt für Schritt umsetzt, Kilometer um Kilometer sich dem Ziel nähert, dieses gedanken-verlorene Umherirren fasziniert. Es hat sehr viel mit dem Leben zu tun. In diesem Sinne bin ich Odysseus auch näher als Gallus. Gallus und Kolumban hatten einen Plan, wollten missionieren, reformieren, bauen, schlussendlich bleiben, Gallus hier, Kolumban dort, in Italien. Sie irrten sich nie, jedenfalls gaben sie es nicht zu. Für sie war das Leben klar geordnet, hatte Regeln, Mönchs- und Klosterregeln (siehe Ivo auf der Maur, OSB, „Columban von Luxeuil – Mönchsregeln“). Sie predigten Gottes Wort, das sie nicht hinterfragten, sie predigten den klaren, direkten Weg, kein (inneres) Umherirren gab es für sie. Wehe, wenn jemand vom „Weg“ abgekommen war – dafür gab es dann die Bussregeln…

Nein, Gallus‘ Weg ist nicht mein Weg. Schon eher derjenige von Odysseus.

Odysseus irrte nach zehn Jahren trojanischem Krieg weitere zehn Jahre umher, durchstreifte Länder, durchpflügte Meere, kämpfte, gewann, verlor, lebte, liebte, leidete – und fand zu sich und zu Penelope. Odysseus hatte keinen Plan und er perfektionierte fast schon das Irren, erhob es zur Kunst, das äussere Umherirren wie das innerliche. Trotz allem Umherirren aber verliess Odysseus nie seinen „Weg“ – den Weg der Ehrlichkeit, der Treue, der Loyalität.

Äusserlich werden wir auf dem Gallusweg hoffentlich nicht viel Umherirren – aber innerlich?

Auch ich irre in meinem Leben umher, habe immer wieder Brüche erlebt, habe mich geirrt – vor allem in Menschen – musste zu neuem Ufer aufbrechen, musste Neues wagen. Hier bin ich Gallus wieder ähnlich, vor allem aber Odysseus.

Auf einer Weitwanderung kommt man sich nahe. Kann sich öffnen, der Natur, seinem Gefährten und sich selber. Man wird präsent.

Diese Präsenz ist es, warum ich mich auf den Weg mache. Gemeinsam. Mit einem Freund, denn: „Wenn du schnell gehen willst, geh alleine. Wenn du weit gehen willst, gehe gemeinsam.“ So zumindest besagt es ein afrikanisches Sprichwort.

Ich habe es bis jetzt nie befolgt, ging viel weit und alleine. Nun will ich es versuchen und ich freue mich darauf. Auf das Umherirren. Auf das Wegfinden. Auf das Sich-finden. (RF)

Dieser Beitrag wurde unter Aktuell veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Drucken

Kommentare sind geschlossen.

Newsletter